Kategorie-Archiv: Blog

3. Oktober 2014

> “Die lange Gewöhnung an Schauspiele, die der Zerstreuung dienen, hat uns die Vorstellung eines [...] Theaters vergessen lassen, das alle unsere [...] Vorstellungen durcheinanderwirft, uns einen glühenden Magnestismus von Bildern einflößt [...], deren Vorbeiziehen uns unvergesslich bleiben wird. [...] Und deshalb werden wir den Versuch machen, um sagenhafte Figuren, um gräßliche Verbrechen und übermenschliche Aufopferungen ein Schauspiel zu gruppieren, das sich fähig erweist, die in den alten Mythen wirkenden Kräfte auszudestillieren, ohne doch deren verblichene Bilder zu bemühen.” Das bemerkenswerte Zitat von Antonin Artaud findet sich in einem der Leserkommentare zu meiner auf ZEIT online erschienenen Verteidigung des “Regietheaters” gegen eine in der NZZ erschienene Polemik. Sonst so: In der ZEIT Opernbeilage vom 25. September versuchte ich herauszufinden, wie es Mozarts Don Giovanni nach 226 Jahren im Dauereinsatz geht (“Keine Ruh´ bei Tag und Nacht”). Die Regisseure Krzysztof Warlikowski und Herbert Fritsch halfen dabei sehr, in dem sie so offen wie konträr verrieten, wie sie sich dem Don in Brüssel und Berlin nähern wollen. Für die ZEIT Musikbeilage vom 1. Oktober habe ich den kanadischen Klavier-”Zentauren” Marc-André Hamelin in Dortmund belauscht und in Essen getroffen.

11. September 2014

> Lange hat mich ein journalistischer Text zur Literatur nicht so erheitert wie der, den ich heute in der Stuttgarter Zeitung fand. Es geht um die sechs neuen Romane, die es ins Finale zum “Deutschen Buchpreis” geschafft haben. “Angelika Klüssendorf führt die Heldin ihres Romans „April“ aus dem finsteren Keller einer kaputten DDR-Kindheit ins nüchterne Licht deutsch-deutscher Alltäglichkeit. Klingt trostlos, liest sich aber wie eine Offenbarung. Thomas Melle wiederum erzählt in „3000 Euro“ von einer Amour fou am prekären Rand der Gesellschaft, so direkt und pulsierend wie mit dem blutigen Messer aus der Gegenwart geschnitten. Die letzte im Bund ist Gertrud Leutenegger. Ihr bereits im Frühjahr erschienener Roman „Panischer Frühling“ führt nach London und in die Zeit, als vulkanausbruchsbedingt in Europa keine Flugzeuge verkehrten. Im allgemeinen Stillstand wird das Rumoren der Erinnerung deutlich.” Was in all diesen Stereotypen und Stilblüten deutlich bis zur Realsatire rumort, ist der Versuch, den Tonfall einer Literaturkritik zu wahren, wo es sich längst um Marketing handelt. Dass es aber überhaupt DEN Tonfall einer Literaturkritik zu geben scheint, zeugt von einer gewissen Monotonie der Branche wie auch, dass man in allen Feuilletons auf dieselben Titel stößt, so, dass ich zum Beispiel gar kein Interesse mehr habe, in “Kruso” oder “Pfaueninsel” hineinzuschauen, die ebenfalls im Buchpreisfinale sind. Eine dämliche Haltung meinerseits, zugegeben. Denn so öde wie die Einhelligkeit, mit der in jeder Saison eine Handvoll Romane durchgereicht wird, können diese Bücher gar nicht sein.

PS Kleines Jubiläum heute: Vor genau einem Jahr erschien hier mein erster Blogeintrag!

9. September 2014

Kunstfälscher wie Beltracchi machen Gewinne, neben denen Musikfälscher fast wie Idealisten wirken. Von Stargeiger Fritz Kreisler bis zu genialischen Provinzbastlern hinterlassen sie mehr Schönheit als Schaden und erzwingen die Frage: Wie hören wir eigentlich zu? Darum geht es in dem Text “Wunderschöne falsche Noten”, geschrieben für “128″, das Magazin der Berliner Philharmoniker. Er ist jetzt auch hier zu lesen.